Auf dem Jakobsweg
Wie im Mittelalter so auch heute wieder treffen in Bad Gandersheim zwei historische Handels- und Pilgerwege aufeinander, die von Nord nach Süd und von Ost nach West verlaufen.
Die Nord/Süd-Route, die "Via Scandinavica", wurde in 2010 mit Veranstaltungen in Kalefeld, Eboldshausen und im Kloster Wiebrechtshausen feierlich eröffnet.

Nachfolgend Informationen der "Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e. V." zu den alten Pilgerwegen aus dem von Bad Gandersheim aus gesehenen nördlichen Bereichen Deutschlands und Europas:
Waren es vor 10 Jahren noch nur ein paar tausend, die sich auf eine Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela machten, hauptsächlich aus Spanien selbst und aus dem angrenzenden Frankreich, so sind es heute schon Hunderttausende aus ganz Europa, selbst aus Übersee und Japan.
Was immer auch der Beweggrund sein mag, mehr und mehr Rucksacktouristen, viele mit der Jakobsmuschel an Hut oder Gepäck, sind auf Wegen abseits der großen Straßen auch in Deutschland unterwegs. Ist das Zu-Fuß-Sein an sich heutzutage schon kein leichtes Unterfangen – wie viel mehr kommt dann auf den einsamen Wanderer zu, der oft ohne Wegmarkierung oder Wegbeschreibung mehrere Tage oder Wochen unterwegs ist und oft am Morgen noch nicht weiß, wo er abends sein müdes Haupt betten kann.
Trifft er auf zivilisierte Menschen wird er oft belächelt, manchmal aber auch - bewundert! Manch einer, der ihn nach dem woher und dem wohin befragt, würde ihm gleichtun wollen, wenn - ja wenn es, sozusagen als Einübung, vor seiner Haustür beschriebene und gekennzeichnete (Pilger-) Wege gäbe und preiswerte Unterkünfte, die bei längeren Pilgerwanderungen sein Budget nicht schon nach wenigen Tagen aufbrauchen würden.
Jakobspiler aus Norddeutschland, die auf ihren Wanderungen in Frankreich und Spanien eben diese Erfahrungen mit Landsleuten und Pilgerfreunden aus Skandinavien, Polen und aus den Baltischen Ländern gemacht haben, haben sich anlässlich eines Treffens im Mai 2005 in Rostock zu einem Freundeskreis der Jakobspilger in Norddeutschland zusammengeschlossen, um die alten Pilgerwege in unseren Breiten neu zu erschließen, zu kennzeichnen und eine Kette von Pilgerunterkünften längs dieser Wege zu etablieren. Sie wollten damit die große Lücke zwischen den bestehenden Pilgerwegen in Westdeutschland und denen in Dänemark, Norwegen und Schweden, sowie Polen und dem Baltikum schließen. Eine enge Zusammenarbeit mit den Pilgerorganisationen in den betreffenden Ländern war dabei erklärtes Ziel.
Im September 2006 wurde aus dem bisherigen Freundeskreis eine regionale Gruppe in der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e.V., die in ihrer Konzeption ein Wegenetz von drei Hauptrouten und mehreren Verbindungswegen zwischen der deutsch/polnischen Grenze im Nordosten, der deutsch/dänischen Grenze im Norden und den rheinisch-westfälischen Pilgerwegen (ab Osnabrück) als Zielvorstellung formulierte:
1. Der Jütländische Weg der Jakobspilger ( Via Jutlandica )
Im Oktober 2007 wurde der Jütländische Weg (Den Jyske Pilgrimsvej), in enger Anlehnung an den Haervejen (dtsch. Ochsenweg), einem uralten historischen Fern-Land-Weg, zwischen Flensburg und der Elbe feierlich im St. Petri-Dom in Schleswig eröffnet. Damit entstand, bis auf ein fehlendes Stück Weges zwischen den dänischen Städten Viborg und Frederikshavn, in Verbindung mit dem norwegischen Olafsweg die wohl längste zusammenhängende europäische Pilgerroute - zwischen Nidaros (Trondheim), dem Grab des norwegischen Nationalheiligen St. Olaf und dem Grab desspanischen Nationalheiligen, St. Jakobus d.Ä. in Santiago de Compostela.
Der breiten Öffentlichkeit sowohl in Deutschland als auch in Skandinavien ist diese zusammenhängende Pilgerroute bisher jedoch noch weitestgehend unbekannt.
2. Der Baltisch-Westfälische Weg der Jakobspilger ( Via Baltica )
Der Baltisch-Westfälische Weg, die Fortsetzung einer sich in der Planung befindlichen Weges aus Polen und dem Baltikum, konnte in 2008 ebenfalls fertig gestellt werden. Dieser Weg orientiert sich an den alten (Land-) Handelsstraßen der Hanse und wird auf deutscher Seite mit der Verbindung alten Hansestädte Greifswald, Stralsund, Rostock, Wismar, Lübeck, Hamburg und schließlich Bremen zu einem hansischen Jakobsweg.
Mit den bei Lübeck und südlich von Stade einmündenden beiden Armen der Via Jutlandica sind zudem alle fünf norddeutschen Bundesländer mit einer gemeinsamen (Jakobus-) Pilgerroute verbunden.
3. Der Skandinavische Weg der Jakobspilger ( Via Scandinavica)
Die dritte Hauptroute wurde im Juli 2010 fertiggestellt, schließt ab der Insel Fehmarn an die von Foreningen af Danske Santiagopilgrimme konzipierte Pilgerroute zwischen Helsingör und Rödby an und führt dann über Lübeck, Lüneburg, Hannover und Göttingen, in enger Anlehnung an die Alte Salzstraße, zu den süddeutschen Pilgerwegen und weiter nach Santiago de Compostela.
In Bad Gandersheim trifft ein von Ost nach West verlaufender historischer Handels- und Pilgerweg, der die alten Handelsstädte Magdeburg, Goslar, Höxter, Paderborn und Attendorn mit den Zielpunkten Köln und Bonn verband, auf die Nord-/Südroute und die Pilger mussten sich hier entscheiden, welchen Weg sie weiterhin nehmen sollten.
4. Die Verbindungswege
In alten Zeiten erreichten die Pilger aus Skandinavien und dem östlichen Ostseeraum die großen Sammelorte der Pilger, Stralsund und Lübeck, meist mit dem Schiff, um dann, je nach Geldbeutel, die Reise per Schiff oder auf dem Landweg nach Jerusalem, Rom und Santiago der Compostela weiterzureisen.
Von den schwedischen Häfen Kalmar, Visby oder aus Lund, dem ersten Erzbistum des Nordens ging die Fahrt zumeist nach Stralsund (auch die hl. Birgitta von Schweden soll mit ihrem Mann über Stralsund und dann auf dem Landweg über Lübeck und die heutige Via Scandinavica nach Santiago de Compostela gepilgert sein).
Die heutige Fährverbindung aus dem schwedischen Trelleborg führt jedoch nicht mehr nach Stralsund, sondern nach Saßnitz auf der Insel Rügen. Von hier aus ist der Verbindungsweg über Stralsund zur Via Baltica bei Triebsees bereits in einigen Abschnitten fertig gestellt. Es fehlen jedoch noch wichtige Abschnitte sowohl auf der Insel Rügen als auch südlich von Stralsund.
Von Rostock aus, das ebenfalls über die o.g. Fährlinie erreicht werden kann, wird über das Kloster Tempzin (einem alten Antoniterkloster und neuzeitlichen Zentrum der ökumenischen Pilgerbewegung), dem einst bedeutenden brandenburgischen Pilgerort Bad Wilsnack und Havelberg in Sachsen-Anhalt schließlich auch die Verbindung zu den dortigen Pilgerwegen ( z.B. zum Ökumenischen Pilgerweg zwischen Görlitz und Leipzig) hergestellt.
5. Ausblick
Hauptaufgabe unserer Mitglieder in den fünf norddeutschen Bundesländern wird zukünftig sein
a. sich vermehrt bei Kirchenführung und Kirchengemeinden vor Ort um Gastfreundschaft für die Pilger in Form von Pilgerherbergen und Unterkünften sowie um geistliche Angebote wie Gottesdienste, Andachten und Pilgersegen zu bemühen,
b. den Kontakt zu den kirchlichen Stellen und Privatpersonen zu pflegen, die den Pilgern bereits Gastfreundschaft anbieten und
c. die Pflege der Wege. Leider machen Wandalismus und Schildersammler es uns immer wieder schwer, die Wege durchgehend markiert zu halten.
Auf die Region Norddeutschland kommt aufgrund der geografischen Lage eine verstärkte Brückenfunktion zu, die ohne eine intensivere Zusammenarbeit mit den baltischen, polnischen und skandinavischen Pilgervereinigungen nicht auszufüllen sein wird.
Mit der gegenseitigen "Verlinkung" der norddeutschen, norwegischen, schwedischen und dänischen Internetseiten wurde bereits vor einiger Zeit begonnen.
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Das Wegenetz der Wege der Jakobspilger in Norddeutschland wird nach seiner endgültigen Fertigstellung mehr als 1.600 km umfassen, zu mehr als 90% von ehrenamtlichen Mitgliedern der Deutschen St. Jakobs-Gesellschaft e.V. und Helfern des ehemaligen Freundeskreises in deren Freizeit konzipiert, markiert, beschrieben.
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Kontakt:
Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft e.V. Region Norddeutschland
Wiesengrund 11, 24794 Borgstedt, Tel. 0049(0)4341-38001
info@jakobswege-norddeutschland.de
www.jakobswege-norddeutschland.de
Bad Gandersheim liegt am Jakobsweg von Magdeburg nach Köln
Im Mittelalter führten die Wege der Jakobspilger zum Grabe des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Nordspanien aus dem Norden und Osten Europas über Magdburg an der Elbe nach Köln am Rhein, Ein neuer Fernpilgerweg, der auch Bad Gandersheim berührt, verbindet in einer Linie von Ost nach West die alten Handelsstädte Magdeburg, Goslar, Bad Gandersheim, Höxter, Paderborn und Attendorn mit den Zielpunkten Köln und Bonn. Die in 25 Tagestappen aufgeteilte Route folgt den alten Reiserouten der Deutschen Kaiser von ihren Pfalzen in Sachsen zu den Herrschaftszentren am Rhein, teilweise auch Handels- und Kaufmannsrouten wie zum Beispiel dem Hellweg oder der Heidenstraße im Sauerland. Muschelfunde, Pilgerzeichen, Jakobskirchen und -kapellen längs des Weges belegen, dass sie einst Durchzugsgebiete für die Jakobspilger waren.
Zu der Zeit, als man das Jakobsgrab in Santiago de Compostela gerade entdeckt hatte, hier begann in Gandersheim alles damit, dass der Stammvater der Ottonen, Herzog Liudolf und seine Gattin Oda im Jahre 852 am Kreuzungspunkt zweier Handelsstraßen ein adeliges Kanonissenstift stifteten. Man setzte die Gebeine des Stifterpaares und ihrer Tochter Hathumod, der ersten Äbtissin in der Grabkapelle der Stiftskirche bei und stellt Stift unter den Schutz des König Ludwigs. 877 erhält es die Reichsfreiheit, d.h. es war nur dem Papst und Kaiser direkt unterstellt. Aufgrund dieses Privileges entwickelte sich das Stift zu einem religiös wie politisch bedeutenden Zentrum. Wesentlichen Ausschlag dazu geben die verwandtschaftlichen Verbindungen zum sächsischen Kaiserhaus. stammten doch der erste deutsche König Heinrich und der erste deutsche Kaiser Otto der Große in unmittelbarer Linie von den luidolfingischen Gründern Brunshausens und Gandersheims ab. Als ottonische Kaiserdynastie rückt die Familie der Liudolfinger ins Zentrum der Reichspolitik.
Wer sich in Gandersheim um die Aufnahme der Pilger gekümmert hat, bedarf noch weiterer Forschungen. So könnten in dem vor der Stadt liegende Benediktinerinnenkloster Brunshausen, das eine wechselhafte Geschichte hatte, und 1134 dem neu gegründeten benachbarten Kloster Clus unterstellt wurde, Aufnahme und Pflege gefunden haben. Denkbar wäre auch, dass Pilger in dem 1501 durch Herzog Heinrich den Jüngeren gegründeten Franziskanerkloster, einem Bettelorden, der im Volksmund »Barfüßerkloster« genannt wurde, unterkamen.
Weil im Zweiten Weltkrieg der Stadtkern Bad Gandersheims glücklicherweise von Zerstörungen verschont blieb, weht noch heute ein Hauch von Mittelalter in den engen Straßen und verwinkelten Gassen, die man auch heute noch wie die Jakobspilger früheren Zeiten erleben kann. Den ehrwürdigen 1100-jährigen Dom mit seinem von zwei Seitentürmen eingerahmten Westwerk haben sicher viele Pilgeraugen schon von weitem bewundert. Wenn die vom Harzrand über Seesen kommenden Jakobspilger gestärkt Gandersheim wieder verließen, um ihren Weg nach Paderborn fortzusetzen, steuerten sie zunächst die alte Wallfahrts- und Bierstadt Einbeck an. Nach der Durchquerung des waldreichen Solling mussten sie dann vor Paderborn das nord-südlich verlaufende Eggegebirge übersteigen.
Heute machen sich wieder Menschen in ganz Europa auf den Weg, um auf alten Wegen ihr eigenes Land und Europa neu zu erleben und dabei Körper, Seele und Geist wieder in Einklang zu bringen. In dem Ambiente von Bad Gandersheim fällt es besonders leicht, sich vorzustellen, dass durchziehende Jakobspilger hier neue Kraft schöpfen konnten, die sie für ihren langen Weg nach Santiago de Compostela brauchten. In einem dichten Wegenetz von vielen tausenden Kilometern breitet sich der Jakobsweg über den europäischen Kontinent. Auch Bad Gandersheim gehört jetzt als Etappenstadt zu einem Jakobsweg. Die Wege der Jakobspilger laden zur Besinnung auf das Wesentliche ein: Durch Verständigung und Abbau von Vorurteilen werden Grenzen, Regionen und Nationen überwunden. Ob dies als Wanderer oder Pilger geschieht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ganz sicher aber als Europäer.
Walter Töpner, Wege der Jakobspilger- Magdeburger Börde, Harz, Solling, Sauerland, Rheinland (Band 1), Paulinus Verlag, Maximineracht 11c; 54295 Trier, ISBN 3-7902-1316-0,
